Die Anfänge in Herat
Als die Conflictfood-Gründer Gernot und Salem die Provinz Herat besuchten, trafen sie auf ein Frauenkollektiv, das eine fast verlorene Tradition wiederbelebte: den Safrananbau. Auf Feldern, auf denen zuvor Schlafmohn (Opium) wuchs, kultivierten die Frauen nun das kostbarste Gewürz der Welt.
In einem Dorf rund 45 km von der Stadt Herat entfernt entstand Anfang der 2000er-Jahre eine lokale Shura, ein Dorfrat, der den Safrananbau fördern sollte. Fünf Frauen waren Teil dieses Rates – sie wollten mitentscheiden und die soziale Entwicklung ihrer Region aktiv mitgestalten. Nach vielen Gesprächen gelang es ihnen 2008, einen eigenen, unabhängigen Frauenrat zu gründen. Daraus entstand das Shakiban-Frauenkollektiv – und einer der ersten Safrananbauten der Region, an dem Frauen eine führende Rolle spielten.
Safran (Crocus sativus L.) gilt als das teuerste Gewürz der Welt. Für ein Kilogramm müssen mehr als 200’000 Blüten von Hand geerntet, geöffnet und die drei feinen Stempelfäden sorgfältig entnommen werden. Die Region Herat gilt unter Expert:innen als eines der besten Anbaugebiete weltweit: Afghanistan produziert zwar deutlich weniger Safran als der Nachbar Iran, doch die Qualität wird international besonders geschätzt.
Für die Bäuerinnen stand von Beginn an Qualität an erster Stelle. Noch vor Sonnenaufgang gehen sie auf die Felder, um die geschlossenen Krokusblüten zu pflücken und die filigranen Fäden behutsam zu trocknen. Das Ergebnis ist Safran mit intensivem Rot, charakteristisch süss-erdigem Duft und besonders hoher Güte.
Mit dem Safrananbau verbanden die Frauen von Anfang an klare Ziele: Sie wollten Einkommen schaffen, mehr Land bewirtschaften und neue Perspektiven für ihre Familien eröffnen. Doch ihre Arbeit findet in einem herausfordernden politischen Umfeld statt. Seit der Machtübernahme der Taliban ist die Situation insbesondere für Frauen in Afghanistan stark eingeschränkt und von grosser Unsicherheit geprägt. Trotzdem setzen viele von ihnen den Safrananbau fort und halten an ihren Zukunftsplänen fest – sodass diese Geschichte von Mut, Wandel und Hoffnung bis heute weiterwächst.
Vom kleinen Kollektiv zur regionalen Initiative
Was mit einem kleinen Frauenkollektiv begann, hat inzwischen weitreichende Wirkung entfaltet: Rund um den Safrananbau sind in der Region heute etwa 4'000 Arbeitsplätze entstanden – rund die Hälfte davon für Frauen. Viele von ihnen finden hier erstmals eine eigene Einkommensquelle und neue Handlungsspielräume für sich und ihre Familien. Gleichzeitig wird der Anbau zusammen mit internationalen Partnern aktuell vollständig auf Bio umgestellt – ein wichtiger Schritt für die Qualität des Safrans, für die Böden und für eine nachhaltige Zukunft der lokalen Gemeinschaften.
